Es ist sieben Uhr in der Frühe, ich sitze im Wintergarten, der Regen prasselt auf das Dach. Meine Gedanken sind bei dem gestrigen Tag. Wir hatten einen Ausflug nach Bolesławie  (zu deutsch Bunzlau) geplant, wollten uns die Innenstadt, vielleicht auch das Museum anschauen, Bunzlauer Geschirr kaufen und damit unsere Sammlung erweitern und anschließend in Gryfów in einem kleinen gemütlichen Restaurant essen gehen.

Wir haben vor ungefähr acht Jahren damit begonnen bei jedem Besuch hier in Polen in Bunzlau Geschirr zu kaufen und inzwischen sind wir mit Tassen, Tellern und einigen Schüsseln ganz gut ausgestattet. Das Geschirr zeichnet sich durch zweierlei Besonderheiten aus: es ist extrem robust, weshalb sich wenig abnutzt und die verschiedenen Muster, alle blauweiß, lassen sich problemlos miteinander kombinieren. Aus diesem Grund sieht ein gedeckter Tisch mit Bunzlauer Geschirr einheitlich, aber nie langweilig aus.

Ich fühle mich darüber hinaus mit der Keramik aus Bunzlau besonders verbunden, weil ich schon seit mehr als zwanzig Jahren regelmäßig in Polen bei meiner Freundin bin und sie schon damals mit dem Sammeln der blau weiß gemusterten Keramik begonnen hat. Ich verbinde es mit all meinen Erinnerungen an unsere Gespräche in ihrer Küche, an unsere Ausflüge und an die vielen gemeinsamen Stunden mit unseren Kindern, die mittlerweile fast alle erwachsen sind.

Bisher haben wir unsere Einkäufe auf der Hinoder Rückfahrt gemeinsam mit meiner Freundin gemacht. Gestern stand uns ein Auto zur Verfügung und so entstand die Idee einen Ausflug zu zweit dort hin zu machen. Bedauerlicherweise gibt es in Deutschland noch immer ziemlich viele Vorurteile dem Land Polen gegenüber und vielen Deutschen ist  nicht bekannt, was für ein wunderschönes Reiseziel Polen ist. Die Landschaft hier in der Woiwodschaft Dolnoslaskie  (Niederschlesien) ist atemberaubend schön. Die wenig befahrene Landstraße schlängelt sich über Hügel vorbei an Wiesen und Wälder, durch kleine idyllische Dörfer. Keine Werbeplakate, keine Hightech Gebäude, Zäune aus Holz und bunte Blumengärten vor den Häusern. Ab und zu bietet sich ein Stopp an, um die wunderschöne Aussicht auf das Isagebirge zu genießen und zu fotografieren.

Leider bekommt unsere Fahrt jäh eine Kehrtwende, denn wir treffen auf eine Baustelle mit einer Umleitung, die für uns unüberschaubar ist. Der Ort Bunzlau ist nicht mehr ausgeschildert und die Straßen auf denen wir fahren werden immer enger und schlechter. Aufgrund der Schlaglöcher im Asphalt müssen wir sehr langsam fahren. In Bunzlau beim Outlet angekommen, sind wir nicht nur gestresst, sondern müssen auch noch feststellen, dass der Laden geschlossen ist. Durch Zufall entdecken wir eine andere Verkaufsstelle, kaufen wie geplant das Geschirr und verzichten dann aber auf eine Irrfahrt durch Bunzlau.

Für den Rückweg wählen wir eine andere Strecke, die zwar etwas länger ist, uns aber durch bezaubernd schöne kleine Dörfer führt, die wir beide noch nicht kennen. Wer sich in seinen Vorurteilen bestätigt fühlen will, kann das an so einem Tag sicher tun. Wir hingegen genießen das Land, die Leute, die märchenhaft anmutende Landschaft und das Gefühl in eine andere Zeit zurück versetzt worden zu sein.

In Gryfow ins Restaurant zu gehen, danach steht uns nicht mehr der Sinn, zu verlockend ist die Aussicht im Garten meiner Freundin den frisch gebackenen Käsekuchen zu genießen und mit einem guten Buch den Nachmittag im Sonnenstuhl zu verbringen.