Eine Reise in die Stille

Es ist sieben Uhr in der Frühe, ich sitze auf unserem Balkon im Georgoshouse einem kleinen Gästehaus in Lykos. Alle anderen Gäste schlafen noch. Rechts von mir krabbelt die Sonne am Felsen entlang und erobert langsam die ganze Bucht. Sobald sie auch den Schatten am Strand erfolgreich verdrängt hat, werde ich schwimmen gehen, so wie jeden Morgen.

Wir sind seit einer Woche hier auf Kreta, es ist Anfang Oktober und immer noch sommerlich warm. Die Sonne scheint verlässlich jeden Tag und schenkt uns fünfundzwanzig Grad im Schatten. Die Anreise ist nicht so einfach, da wir vom Norden Kretas ganz in den Süden fahren müssen, um hier in unserem Lieblingsort anzukommen. Vor meiner ersten Reise 2007 hat mein Freund dies mit den Worten „Das wird eine Reise in die Stille“ beschrieben. „Von Station zu Station wird es immer ruhiger!“ Damals sind wir von Berlin nach Athen geflogen und haben in Piräus eine Fähre nach Chania genommen. Verglichen mit Athen wirkt  Chania an machen Plätzen tatsächlich ruhig und beschaulich.

Von Chania geht es mit dem Bus über Vrisses, wo wir beim Umsteigen in den nächsten Bus manchmal Zeit für einen ersten frisch gepressten Orangensaft haben, nach Choras Sfakion. Hier nehmen wir die Fähre nach Loutro, einem ehemals kleinen Fischerdorf, das über keine Straße verfügt und deshalb nur mit der Fähre oder dem Boot zu erreichen ist. Meine Begeisterung auf meiner ersten Reise 2007 von Loutro, was damals eher einen verschlafenen Eindruck gemacht hat, ist einer gewissen „Abscheu“ gewichen, weil Loutro inzwischen so touristisch geworden ist.

Trotzdem ist auch diesmal das Reisegefühl geblieben: wir machen eine Reise in die Stille! Ich bin das erste Mal nicht zu Fuß nach Lykos gelaufen, sondern habe mich mit dem Motorboot in Loutro abholen lassen. Für mich ein besonderes Ereignis,  weil es mich immer an die Worte meiner Tochter nach ihrer ersten Fahrt mit dem Motorboot von Lykos nach Loutro erinnert: “ Das ist schöner als Verliebt sein!“ Noch heute macht mich die Erinnerung daran glücklich.

Warum ich trotzdem nicht zur Ruhe komme, hat wohl mit mir und meiner Unzufriedenheit zutun. Ich bin unruhig, kann mich nicht auf mein Buch konzentrieren und bin schnell abgelenkt. Außerdem bin ich irgendwie traurig, ohne genau zu wissen warum. Es fühlt sich ein bisschen so an, als läge ein grauer Schleier  zwischen mir und meiner Umgebung. Ich vermisse das Glücksgefühl, was sich immer verlässlich einstellt, sobald ich hier auf der Terrasse sitze und mein Blick über das Meer schweifen lasse.

Erst nachdem ich in einer schlaflosen Nacht beginne Tagebuch zu schreiben und meine Musik dazu höre, komme ich mir und meinen diffusen Gefühlen allmählich auf die Spur. Meine Traurigkeit ist sentimentaler Natur, ich vermisse meinen Sohn mit dem ich letztes Jahr eine wunderschönes Zeit hier in Lykos verbracht habe. Zusätzlich sind es die kleinen Veränderungen, die langsam spürbar werden:  ein anderes Klientel und gleichzeitig viel zu viel Menschen,  mehr als die Bucht eigentlich verträgt.

Wehmütig denke ich an letztes Jahr und hoffe, dass es in den nächste Tagen etwas ruhiger wird und ich mich entspannnen kann.