Meiner Ankunft hier in Lykos ging ein wirklich beschwerlicher, wenn auch zauberhaft schöner Weg voraus.

Wenn ich mir nicht in den Kopf gesetzt hätte auf genau diesem Weg hier anzukommen, ich hätte es nicht geschafft.

Auf dem Weg vom Taxi zum Flughafen, zum Gate und schließlich ins Flugzeug, hatte ich nur einen Gedanken: wie halte ich den Schmerz, den das Gewicht meines Rucksacks verursacht, aus? Wird mich das Gewicht von min. 10 Kilo in die Knie zwingen? Wird mich meine mehrjährige Erfahrung mit Schmerz und Überforderung zur Vernunft bringen? Wohl wissend, dass ich wahrscheinlich mit einer Schmerzverschlimmerung von 100% zu rechen habe, die mir mehrere Tage zu schaffen machen wird, hielt ich eisern an dem Gedanken fest:

„Ich gehe zu Fuß mit Gepäck von Loutro rüber nach Lykos“.

Bei unsere Ankunft in Chora Sfakia waren wir schon 11 Stunden auf den Beinen. Bis hierhin hat alles geklappt. Wir haben den Bus nach Vrisses bekommen und auch den Bus, der uns anschließend nach Sfakia gebracht hat. Alles immer in Begleitung von Vorfreude, Genuss, der Furcht es zeitlich nicht zu schaffen. Außerdem an meiner Seite stets die Angst „Werde ich es körperlich schaffen“?

Bisher habe ich es immer geschafft. Ich reise immerhin schon seit neun Jahren in dieses kleine Paradies und noch nie habe ich mich bei der Ankunft im Motorboot bringen lassen. Allerdings habe ich mir den heutigen Weg anders vorgestellt. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich so viel Schmerzen, Schwere, Müdigkeit und Erschöpfung mit im Gepäck habe. Nicht nur meine blauen Augen machen mich so blauäugig. Mit Hoffnung kann ich nicht gut umgehen, konnte ich noch nie. Sobald es mir einigermaßen gut geht, habe ich die Hoffnung, das könnte so bleiben. Für immer. Endlich ist es mir gelungen mein Nervensystem davon zu überzeugen mir keinen Dauerschmerz mehr zu senden. Diese Hoffnung habe ich immer – dummerweise. An dem Punkt bleibe ich wohl ewig dumm. Ich bleibe auf meiner kindlichen Hoffnung hocken. Denn ich weiß es ja: Der nächste Schmerzschub kommt gewiss und schleudert mich  zurück in mein reales Dasein.

Dieses mal war es die plötzliche Kälte in Berlin. Den ganzen Sommer über ging es mir richtig gut. Wenngleich ich mich nicht gesund gefühlt habe, so hatte ich viel Energie und Kraft. Mit dem Gefühl mich mit dieser sommerlichen Energie auftanken zu können, habe ich stundenlang auf der Terrasse in der Hängematte gelegen, mein Yoga gemacht, neue Rezepte gekocht und wenn möglich leidenschaftlich getanzt. Mit der Kälte kam der Schmerz und mit dem Schmerz die Angst.

Aber ich habe es geschafft! In Loutro haben wir, den Rucksack auf dem Rücken, zu dritt den Weg nach Lykos angetreten. Die Sonne scheint. Loutro liegt idyllisch in Sonnenlicht getaucht unter uns. Ein Duft von Oregano, Thymian und anderen Kräutern liegt in der Luft. Die Stille wird nur unterbrochen von unseren Schritten und dem Läuten der Glöckchen, die den Schafen um den Hals hängen.

Mir fallen die ersten Schritte wahnsinnig schwer. Alles tut mir weh. Der Rucksack zieht mit solcher Gewalt an meinen Schultern und ein stechender Schmerz zieht in den Kopf. Ich kann kaum noch denken, dennoch konzentriere ich mich immer auf den nächsten Schritt. Meine Wut über diesen Schmerz gibt mir Kraft und ich spüre eine gewisse Zähigkeit und einen Willen in mir, ohne den ich wahrscheinlich nicht bis hierher gekommen wäre. Irgendwann geht es leichter. Die Wut weicht einem Gefühl von Glück und Stolz.

 Und ich schaffe es! Nach weniger als einer Stunde komme ich auf der Terrasse im „Small Paradise“ an, bekomme Raki, Meeresrauschen, glitzernde Sonnenflecken auf dem Wasser und wärmende Sonnenstrahlen auf der Haut geschenkt. Selbst strahle ich vor Glück! Wer einen Menschen sehen möchte, der sehr sehr stolz auf sich ist, sollte sich zu mir setzen und einen Raki mit mir trinken!

Yammas!