Heute ist der 7. November und hier auf Kreta beginnt der Winter.

Winter auf Kreta heißt: zwanzig bis siebenundzwanzig Grad im Schatten und sechs bis zehn Stunden Sonne am Tag. Die Nächte werden etwas kühler und manchmal gibt es Regen.

Wir sind jetzt schon vierzehn Tage hier. Heute scheint wieder herrlich die Sonne und es ist sommerlich warm. Es geht ein leichter Wind und das Meer lädt bei einer Wassertemperatur von 22 Grad zum schwimmen ein. Inzwischen sind wir fast die einzigen Gäste und dementsprechend ruhig ist es hier. Die Taverne The Small Paradise ist mehr oder weniger geschlossen. Zum Glück können wir solange wir hier sind im Georgoshouse etwas zu essen bekommen. Mehr noch, denn das Essen von Meni ist ausgesprochen delikat.

Die Ruhe hier ist kaum zu beschreiben, denn Lykos ist eigentlich zu jeder Zeit ein ruhiger Platz. Aber im Unterschied zum Sommer, kehrt jetzt eine ganz besondere Ruhe und Gelassenheit ein. Der Gästebetrieb ist eingestellt und für die Menschen, die hier leben heißt das Erholung von der letzten Saison. Die nächste Saison beginnt erst wieder im April nächstes Jahr. Egal mit wem du hier sprichst, alle sagen: „Der Winter ist die schönste Zeit im ganzen Jahr“.

Wir sind gestern aus Chania wieder gekommen.

Die gemeinsame Zeit mit meinem Sohn hat leider ein Ende und so haben wir ihn zum Flughafen gebracht. Obwohl es auch in Chania vergleichsweise ruhig war, hat mich der Aufenthalt dort eher gestresst. Meine Ohren sind kein Strassenlärm mehr gewohnt, meine Augen nicht mehr die vielen Reize und die vielen Angebote in Geschäften und Restaurants überfordern mich. Gleichzeitig möchte ich meinem Sohn alles zeigen. Alles, was ich in Chania so liebe. Aber wie das so ist mit den Erwartungen und Wünschen: sind sie zu hoch, wird man entäuscht. Beharrlich haben wir uns gegen den Lärm und die Geschäftigkeit der Stadt gewehrt, unsere innere Ruhe wieder gewonnen und letztendlich auch einen ruhigen Platz für unser letztes gemeinsames Essen gefunden.

Der Abschied viel mir schwer und den ganzen Tag bin ich ein „Tränchen“. Ich kämpfe mit den Tränen und dem Gefühl völlig übertrieben auf die Trennung von meinem Sohn zu reagieren. Aber ich kann nicht anders: die Zeit mit ihm war so schön und die Trennung tut weh. Ich fühle mich wie heraus gerissen aus einem der wohligsten Zustände, die eine Mutter meiner Meinung nach empfinden kann. Ich habe nicht nur im türkisblauem Wasser mit ihm gebadet, sondern in einem Gefühl von Verbundenheit, Nähe und Wärme.

Einen der schönsten Tage hier auf Kreta haben er und ich in der Marmarabucht verbracht. Der Himmel wolkenlos, das Meer ruhig, klar und sanft. Wir planschen und schwimmen, lachen und spritzen mit dem Wasser und sind glücklich. Die Marmorfelsen und – höhlen laden zum Klettern, Springen und Schwimmen ein. Das Wasser ist an diesem Tag sanft und weich. Die kleinen Kiesel, die bei jeder Welle aneinander geschlagen werden spielen leise eine Melodie, sie klingen wie Schläge auf der Mandoline. Der wunderschöne Strand ist fast menschenleer. Die Taverne ist geschlossen – es ist ja Winter!

Die Vorstellung, dass uns in Berlin die Kälte und die feuchte Luft in die Nase kneifen würde, sobald wir das Haus verlassen, ist absurd, nicht möglich.

Meinem Abschiedsschmerz eine schöne und auf gewisse Art melancholisch traurige Musik hinzuzufügen macht es mir möglich mich langsam wieder auf mich und auf meine Umgebung einzulassen. Die Schönheit dieser teils schroffen teils zarten Landschaft überwältigt mich von neuem und hungrig sauge ich das Licht, den Duft und alle lieblichen Geräusche auf.

Morgen ist ein neuer Tag.