Ich bin eindeutig nicht normal!

Und eine Essstörung habe ich auch! Über Essen kompensiere ich meinen Frust, meine Wut und Ärger, Langeweile und Unlust. Ich finde das nicht normal: da esse ich zwei Wochen gar nichts und singe ein Loblied auf das Heilfasten, mache Ernährungspläne und freue mich über meinen Body, darüber dass ich vier Kilo abgenommen habe und was mache ich zwei Wochen später? Ich gebe mich meiner Essattacken hin. Abends ist es besonders schlimm: habe mir zwei vollständige Serien auf Netflix, Chips und Schokolade und gestern Abend auch noch eine ganze Flasche Weißwein rein gezogen. Heute morgen wache ich natürlich mit Kopfschmerzen auf. Ich hasse mich selber dafür! Ich hasse dieses graue entsetzlich deprimierte Gefühl in mir. Keine Ahnung was genau das ist, aber ich habe regelmäßig diese „Rückfälle“

Da ist sie wieder: die kleine Claudia, die durch den Supermarkt der Eltern streift auf der Suche nach Aufmerksamkeit, Zuwendung, Sicherheit, Liebe und nur Gummibärchen, Schokoriegel, Eis und Kekse findet. Immer schön alles runter spülen – essen hilft!

Ich bin aber keine sieben mehr. Mein „Supermarkt“ hält mehr als nur Süßigkeiten für mich bereit. Die Regale sind gefüllt bis obenhin mit Liebe, Fürsorge, Freundschaft, Geborgenheit, mit tollen Ideen und Möglichkeiten. Ich finde es nicht normal, dass ich immer wieder in dieses Muster zurück falle. Auch nicht normal finde ich, dass ich mir lieber selber schade, anstatt dieses gestörte Essverhalten zu stoppen.

Warum aber fühle ich mich so unwohl gerade? Woher kommt diese Unzufriedenheit, der Frust und die Traurigkeit? Will ich das überhaupt ergründen? Ist die Frage nach dem Warum wirklich so wichtig?

Ich will einfach nur normal sein! Ein normales Leben führen, ein Leben ohne Schmerzen und ohne Erschöpfung.

Mir fehlt eine richtige Aufgabe, eine sinnvolle Tätigkeit. Ich hätte gerne wieder eine Arbeit, weiß aber genau, dass ich in dieser unserer Arbeitswelt zum Scheitern verurteilt bin. Weil ich nicht Leistungsfähig bin! Weil Menschen mit so vielen Einschränkungen nicht gebraucht werden. Ich habe zwar eine Schwerbehinderung von 50 % , sehe aber ganz gesund und vital aus. Meine Schmerzen und was es heißt damit zu leben, sieht man mir nicht an. Ich wirke unglaubwürdig, wenn ich sage, dass ich nicht arbeitsfähig bin. Selbst unter Freundinnen entsteht manchmal ein peinliches Schweigen, wenn ich das erwähne und ich spüre ganz genau, was einige denken: „Sie würde sicher was passendes finden, wenn sie wollte…“. So oder so ähnlich. Erklär das mal einem Menschen, wie sehr die Fibromyalgie dein Leben verändert und in Griff hat!

Zur Zeit belastet mich auch die Tatsache, dass ich so verdammt Wetterfühlig bin. Die feuchte Kälte verstärkt meine Schmerzen und die Lichtlosigkeit meine depressive Stimmung.

Und wieder suche ich Trost im Essen. Ich sitze irgendwo in Kreuzberg im Cafe, habe mir ein kleines Frühstück und einen Kaffee bestellt, lese Zeitung und genieße das ein wenig, weil ich immerhin das als einen gewissen Luxus erlebe.