„Ich hatte eine schöne Kindheit“

Dieser Satz ging mir jahrelang leicht über die Lippen.

Den Großteil meiner Kindheit verbrachte ich spielend im Garten mit meinen beiden Geschwistern, unseren beiden Cousinen und den vielen Freundinnen und Freunden. In meiner Erinnerung war es immer Sommer. Die meiste Zeit haben wir mit irgendwelchen Projekten verbracht. Unserer Fantasie waren keine Grenzen gesetzt und es waren immer genügend Materialien zur Umsetzung vorhanden. Einmal richteten wir uns in einem kleinen Schuppen gemütlich ein, bauten aus bunt bemalten Gemüsekisten  Möbel und aus Stoffresten bastelten wir Gardinen und Tischdeckchen. Damit waren wir tagelang beschäftigt. Ein anderes mal  bauten wir uns einen Kletterparcour aus Gemüse – und Getränkekisten und Holzplanken . Oder es wurde eine Wohnung aus Kartons,  Gras und Erde für unsere Marienkäfer geschaffen und damit ein ideales Tierforschungsprojekt. Das Gartenrestaurant, in dem alle unsere Puppen zu Gast waren, ließ sich endlos spielen.

Die vielen Stunden, die ich alleine mit mir tief versunken in meinen Tagträumen auf dem Birnbaum sitzend oder auf der Schaukel verbracht habe, sind mir ebenso in Erinnerung, wie das aufregende Fangen – oder Versteckspiel, bei dem mir mein Herz bis zum Hals geklopft hat. 

Ich bin Mitte der sechziger Jahre geboren. Meine Eltern hatten sich gerade selbstständig gemacht. Dort, wo es bis dahin nur Tante- Emma-Läden gab, eröffneten sie den ersten kleinen Supermarkt.  Mit viel Geschäftssinn und moderner Ausstattung erreichten sie einen Status, von dem sie bis dahin nur geträumt hatten. Wirtschaftswunder und Aufschwung kamen endlich auch bei ihnen an. Sicher, die ersten Jahre waren hart, vor allem für meine Mutter, die in der Doppelrolle als Mutter und Geschäftsfrau überfordert war. Wir Kinder genossen durch diesen Umstand viel Freiheit, denn unsere Eltern hatten quasi nie Zeit. Gleichzeitig waren sie immer da.

Unser Spielradius erstreckte sich auf den großen Garten, das Geschäft, die Wohnung mit zwei großen Kinderzimmern voller Spielsachen und die nahe Nachbarschaft. Spielen hieß kreativ sein, experimentieren mit den Elementen, Wasser, Erde, Feuer, Pflanzen und Steine. Im Winter tobten wir durch die Wohnung. Wir bauten uns Hütten aus Möbeln, Decken und Kissen, plünderten den Kleiderschrank unserer Mutter um uns zu verkleiden. Unsere Playmobil – Figuren , für die wir riesige Landschaften mit Häusern und Schlössern  bauten, wurden mit Lebensmittel wie Brause und zerkleinerte Gummibärchen versorgt, bis die Ameisen unser Kinderzimmer eroberten.

Ich bin immer noch überrascht über die vielen schönen Erinnerungen,  die ich an diese frühe Kindheit habe.

Ich war ein äußerst kreatives Kind und sprühte vor Ideen. Mit Wasserfarben malen, konnte auch Bodypainting heißen, aus Papierschachteln und Stoffresten bastelte ich Puppenstuben, Würstchendosen dienten mir als Trommeln oder Stelzen und die kleinen Matchboxautos meines Bruders wurden zu Minirollschuhen, die ich mir mit Einmachgummis unter die Schuhe band.  

 Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wann ich das erste mal realisierte, dass meine Kindheit nicht nur schön war, sondern eine Melange aus Freiheit, Kreativität, Spaß und emotionaler Vernachlässigung, Strenge und Moral.

Mein Vater tobte wie ein Gewitter durch die Wohnung, wenn wir es seiner Meinung nach wieder zu weit getrieben hatten. Meine Mutter konterte mit hysterischen Anfällen. Sie konnte vor Wut schon mal Kochtopf und Pfannen in den Hof wirbeln oder unser gesamtes Kinderzimmer durch das geöffnete Fenster im ersten Stock auf die Terrasse befördern. Vernachlässigung, Angst, das Gefühl alleine gelassen zu werden verursachte in mir vor allem ab dem Zeitpunkt meines Schuleintritts eine komplette Verunsicherung.

Äußerlich ging es uns allen gut. Meine Eltern, erfolgreich, jung und modern genossen ihren Status als Geschäftsleute und hatten einen großen Bekanntenkreis. Ständig wurde gefeiert, wahlweise in unserem Partykeller oder im Kegelclub, beim Stammtisch und mit der Karnevalsgarde. Wir Kinder wurden ausgestattet mit moderner teurer Kleidung und allen möglichen Spielsachen.  Wir hatten alles: Puppen, Barbiepuppen, Lego, Playmobil, Matchboxautos, Puppenhäuser, Ritterburg,  Gesellschaftsspiele und jede Menge Spielgeräte für draußen. Das innere Familiengefüge allerdings war zerrüttet. Das Unglück meiner Eltern, die Eheprobleme und später auch die existentiellen Sorgen hinterließen Spuren bei uns allen.

Ich habe den Rückzug in mir selbst als Strategie entwickelt. Ich war ständig krank. Die wenigen Situationen,  in denen ich mich der Fürsorge und Zuwendung meiner Mutter gewiss sein konnte, waren die,  wenn ich krank war. Meine Karriere zum Sorgenkind und zur Schulversagerin ging steil nach oben. Mit elf Jahren war ich zu einem unglücklichen Kind heran gewachsen, dass kaum Selbstbewusstsein besaß, keine richtigen Freundschaften pflegen konnte und nur mit Mühe den Alltag in der Schule und Familie meistern konnte. 

Ich hatte schon als kleines Kind einen starken Wunsch nach Gerechtigkeit und Partizipation.

Ich beschloss später mit meinen Kindern alles anders zu machen. Mit Sicherheit hat das zu meiner Berufswahl beigetragen. Mit siebzehn ging ich gegen den Willen meines Vaters zur Fachschule für Pädagogik und mit einundzwanzig Jahren konnte ich mich stolz anerkannte Erzieherin nennen und mich als solche bewerben. Mehr als fünfzig Absagen führten mich letztendlich nach Berlin. In einem sog. Kinderladen traf ich endlich auf Erwachsene und ein Klima, in dem ich meine humanistische Haltung,  meine Werte und meine Vorstellungen von Erziehung unter bringen konnte. Sogar mein zunehmend radikaler werdendes  Outfit mit schwarzer Lederjacke, Springerstiefel und Irokesenhaarschnitt wurde toleriert.  

Mein inniger Wunsch eigene Kinder zu bekommen verwirklichte sich , wenngleich der Vater meiner Kinder keinen eindeutigen Kinderwunsch empfand. Mit neunundzwanzig Jahren war ich zweifache Mutter, engagierte mich in einem Selbsthilfe – Projekt, nahm an Fortbildungen teil und arbeitete als private Tagesmutter.

Pädagogik war mein Leben und meine Kinder mein Glück.

Es gelang mir ein kleines Idyll mitten in der Großstadt zu schaffen für unsere Familie. Meine Kinder genossen viel Freiraum. Sie konnten im Garten, im Hof, auf der großen Dachterasse und auf dem Spielplatz gegenüber alles finden, was ein Kinderherz begehrt.

Wie war deine Kindheit?

Diese Frage würden meine beiden Kinder wahrscheinlich mit „Ich hatte eine glückliche Kindheit“ beantworten.

Obwohl es viele Konflikte und schließlich eine Trennung gab. Ich meine, dass der Umgang mit Konflikten entscheidend ist. Ich wollte meinen Kindern ein positives Vorbild sein und dazu gehört auch sich zu streiten.